Wenn die Sonne am westlichen Horizont versank und ihr Licht über dem Nil erlosch, begann für die Menschen im alten Ägypten nicht einfach nur die Nacht.
Über ihnen spannte sich eine Göttin.
Ihr gewaltiger Körper wölbte sich über die Erde, ihre Hände und Füße berührten die fernen Horizonte. Sterne bedeckten ihre Gestalt. Unter ihr lag Geb, der Gott der Erde, während Schu, der Gott der Luft, zwischen beiden stand und den Himmel emporhielt.
Diese Göttin war Nut, die ägyptische Göttin des Himmels.
Doch Nut war weit mehr als eine Verkörperung des Himmelsgewölbes. In den religiösen Vorstellungen der alten Ägypter wurde ihr Körper zum Schauplatz eines immerwährenden Kreislaufs: Abend für Abend nahm sie die Sonne in sich auf. Durch die Dunkelheit der Nacht zog der Sonnengott, bis Nut ihn am Morgen wieder hervorbrachte.
Jeder Sonnenaufgang war damit auch eine Geburt.
Und jede Nacht trug bereits die Hoffnung auf einen neuen Morgen in sich.
Wer war die ägyptische Göttin Nut?
Nut gehörte zu den bedeutenden Gottheiten der altägyptischen Vorstellungswelt. Sie personifizierte den Himmel und war Teil jener Götterfamilie, die in der religiösen Tradition von Heliopolis eine zentrale Rolle spielte.
Als ihre Eltern galten Schu, der Gott der Luft, und Tefnut, die Göttin der Feuchtigkeit. Nuts Bruder und Gemahl war Geb, der Gott der Erde. Zu ihren Kindern wurden insbesondere Osiris, Isis, Seth und Nephthys gezählt.
Schon darin steckt eine Vorstellung, die aus heutiger Sicht ungewohnt erscheinen mag.
Der Himmel war weiblich.
Die Erde war männlich.
Nut befand sich über der Welt, Geb unter ihr.
Auf zahlreichen Darstellungen erscheint die Himmelsgöttin deshalb als langgestreckte Frau, die sich in einem gewaltigen Bogen über die Erde beugt. Unter ihr liegt Geb. Zwischen ihnen erhebt Schu seine Arme und hält Nut in der Höhe.
Ein eindrucksvolles Beispiel findet sich im sogenannten Greenfield-Papyrus aus dem frühen 1. Jahrtausend v. Chr.: Dort liegt Geb mit ausgestreckten Gliedmaßen unter der bogenförmigen Nut, während Schu ihren Körper stützt. Ihre Füße befinden sich am östlichen, ihre Hände am westlichen Horizont.
Der Himmel war in diesem Bild kein leerer Raum. Er hatte einen Körper. Und dieser Körper gehörte Nut.
Als Himmel und Erde noch beieinanderlagen
Bevor zwischen Himmel und Erde Raum entstand, waren Nut und Geb nach einer der bekannten ägyptischen Schöpfungstraditionen eng miteinander verbunden.
Geb war die Erde. Nut war der Himmel.
Doch solange beide unmittelbar beieinanderlagen, gab es zwischen ihnen keinen Platz für die Welt.
Also wurden sie getrennt.
In Darstellungen dieses kosmischen Geschehens steht Schu zwischen ihnen. Er hebt Nut empor, während Geb unter ihr zurückbleibt. Aus der Trennung entsteht jener Raum, in dem sich das Leben entfalten kann. Das Bild gehört zur Schöpfungsvorstellung der heliopolitanischen Götterfamilie, zu der Atum, Schu, Tefnut, Geb, Nut und ihre Nachkommen gehörten.
Man kann sich diese Szene beinahe wie den ersten Morgen der Welt vorstellen.
Unten die Erde.
Oben der Himmel.
Dazwischen zum ersten Mal Luft, Licht und Raum.
Doch die Trennung bedeutete auch, dass Nut und Geb einander nicht mehr erreichen konnten. Auf Bildern sind sie sich noch immer nahe. Geb hebt bisweilen einen Arm oder ein Bein zu ihr empor, während Nut sich über ihn beugt.
Sie sehen einander.
Berühren können sie sich nicht.
So wurde aus einer kosmischen Ordnung zugleich das Bild zweier voneinander getrennter Gestalten.
Nut und Geb – eine Liebe zwischen Himmel und Erde
Spätere Nacherzählungen haben die Beziehung zwischen Nut und Geb gern als große Liebesgeschichte ausgeschmückt. Die altägyptischen Darstellungen selbst erzählen zurückhaltender, aber nicht weniger eindrucksvoll von ihrer Verbindung.
Nut und Geb gehören zusammen und müssen doch getrennt sein.
Gerade diese Spannung macht das berühmte Bild so stark.
Nut wölbt sich über Geb. Ihre Hände und Füße reichen bis zur Erde, doch ihr Leib bleibt hoch über ihm. Zwischen beiden steht Schu und hält die Ordnung der geschaffenen Welt aufrecht.
Auf einem spätzeitlichen Sarkophag im Metropolitan Museum of Art wird sogar die gesamte dargestellte Welt vom Körper Nuts eingerahmt. Schu stützt sie, während Geb darunter die Erde verkörpert.
Nut ist damit nicht einfach eine Göttin, die irgendwo im Himmel lebt.
Sie ist der Himmel.
Wer im alten Ägypten zum Himmelsgewölbe hinaufsah, konnte es sich als ihren gewaltigen Körper vorstellen.
Doch damit beginnt erst der vielleicht geheimnisvollste Teil ihrer Geschichte.
Denn mit dem Abend verschwand die Sonne in Nut.
Wie Nut die Sonne verschlang
Der Tag neigt sich seinem Ende zu.
Das Licht wird weicher. Die Schatten werden länger. Schließlich berührt die Sonne den westlichen Horizont und verschwindet.
Für uns ist es der Sonnenuntergang.
In der Bildwelt des alten Ägypten konnte darin ein gewaltiges kosmisches Geschehen gesehen werden: Nut verschluckte die Sonne.
Eine Darstellung auf dem Sarg der Wedjarenes aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. zeigt Nut zusammen mit Sonnenscheiben und verweist auf die Vorstellung, dass sie den Sonnengott am Abend aufnahm. Während der Nacht zog er durch ihren Körper, ehe er am Morgen aus ihrem Schoß neu geboren wurde.
Das Dunkel bedeutete also nicht, dass die Sonne verschwunden war.
Ihre Reise ging weiter.
Nur war sie den Augen der Lebenden entzogen.
Während über Ägypten die Sterne erschienen und das Land dunkel wurde, vollzog sich unsichtbar die nächtliche Reise des Sonnengottes. In ägyptischen Jenseitstexten und Grabausstattungen wurde diese Fahrt in unterschiedlichen Formen dargestellt: Der Sonnengott durchquerte die Nacht und die Unterwelt, um am Morgen erneuert zurückzukehren. Auf dem Sarkophag des Wereshnefer beispielsweise zeigen Szenen aus dem Amduat seine Reise durch die zwölf Stunden der Nacht.
Mit Nut verband sich dieser Kreislauf unmittelbar.
Abend.
Verschwinden.
Nacht.
Geburt.
Morgen.
Und dann begann alles von vorn.
Jeden Morgen gebiert Nut die Sonne neu
Im Osten wird der Himmel heller.
Zuerst nur ein schwacher Schein. Dann bricht das Licht über den Horizont.
Die Sonne kehrt zurück.
Für die alten Ägypter konnte dieser alltägliche Anblick eine tiefere Bedeutung besitzen: Die Welt wurde erneuert.
Nut hatte die Sonne wieder hervorgebracht.
Auf einem altägyptischen Mumienbrett im Metropolitan Museum of Art ist eine Darstellung zu sehen, in der die Himmelsgöttin die Sonne am Horizont emporhebt. Das Bild gehört zu einem größeren Zusammenhang von Tod, Jenseits und Wiedergeburt. Der Sonnengott durchläuft die Nacht und erscheint am Morgen erneut.
Gerade deshalb war der Sonnenaufgang mehr als nur die Wiederkehr des Tages.
Er war der sichtbare Beweis dafür, dass auf Dunkelheit Erneuerung folgen konnte.
Die Sonne starb nicht endgültig. Sie kehrte zurück. Tag für Tag.
In dieser Vorstellung berühren sich zwei Themen, die für die ägyptische Religion von großer Bedeutung waren: die Ordnung des Kosmos und die Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod.
Denn was der Sonne möglich war, sollte auch dem Menschen möglich werden.
Die Himmelsgöttin Nut und die Toten
Damit verändert sich das Bild Nuts.
Sie ist nicht mehr nur die ferne Göttin über den Köpfen der Lebenden.
Sie wird zur Beschützerin der Verstorbenen.
Darstellungen Nuts finden sich deshalb auf Särgen und in Bestattungskontexten. Auf dem Sarg der Wedjarenes erscheint sie mehrfach. Eine geflügelte Nut breitet sich schützend über die Verstorbene, während eine weitere Darstellung im Inneren des Sarges die Göttin mit dem nächtlichen Weg und der morgendlichen Wiedergeburt der Sonne verbindet.
Auch auf dem Mumienbrett der Iineferty ist Nut als geflügelte Himmelsgöttin dargestellt. Die zugehörigen Bilder verbinden sie mit Re, dem Sonnengott, und mit der Hoffnung, dass die Verstorbene an seinem Kreislauf der Erneuerung teilhaben könne.
Die Bedeutung dahinter ist eindrucksvoll.
Wer starb, verschwand nicht einfach in einer endlosen Dunkelheit.
So wie die Sonne am Abend verschwand und am Morgen wiedergeboren wurde, konnte auch der Tod als Übergang gedacht werden.
Nacht und Tod standen damit nicht nur für ein Ende.
In ihnen lag bereits die Möglichkeit eines neuen Anfangs.
Vielleicht erklärt gerade das, weshalb das Bild Nuts in Gräbern eine solche Kraft entfalten konnte. Über dem Verstorbenen spannte sich dieselbe Göttin, die jeden Morgen die Sonne zurück ins Licht brachte.
Warum Nut mit Sternen dargestellt wurde
Zu den schönsten Darstellungen Nuts gehören jene, auf denen ihr Körper mit Sternen bedeckt ist.
Sie steht nicht unter dem Sternenhimmel. Die Sterne befinden sich auf ihr. Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.
Der nächtliche Himmel wurde dadurch zu etwas Körperlichem und beinahe Lebendigem. Was sich hoch über der Erde ausbreitete, ließ sich als Gestalt einer Göttin begreifen.
Das British Museum beschreibt Nut entsprechend als Himmelsgöttin, die gewöhnlich als Frau mit sternbedecktem Körper dargestellt wird und sich über die Erde wölbt.
Dadurch verschmilzt ihr Bild mit dem Nachthimmel selbst.
Wer unter den Sternen stand, befand sich gewissermaßen unter Nut.
Und während die Sterne über das Dunkel verteilt leuchteten, bewegte sich irgendwo innerhalb dieses gewaltigen kosmischen Bildes die Sonne auf ihre Wiedergeburt zu.
Der Himmel war kein lebloses Dach über der Welt.
Er atmete im Rhythmus von Tag und Nacht.
Nut als Mutter großer ägyptischer Götter
Auch innerhalb der ägyptischen Götterwelt nimmt Nut eine wichtige Stellung ein.
Als Kinder von Nut und Geb werden in der heliopolitanischen Tradition Osiris, Isis, Seth und Nephthys genannt. In manchen späteren Darstellungen und Zusammenstellungen erscheint zusätzlich Horus der Ältere als weiteres Kind Nuts. Solche Unterschiede zeigen, weshalb ägyptische Mythologie nicht wie eine einzige festgeschriebene Familiengeschichte behandelt werden sollte: Überlieferungen konnten sich je nach Zeit, Ort und religiösem Zusammenhang unterscheiden.
Mit Osiris und Isis führen die Verbindungen Nuts unmittelbar zu einem der berühmtesten Mythen des alten Ägypten – der Geschichte von Tod, Trauer, Wiederherstellung und neuem Leben.
Seth wiederum gehört zu den widersprüchlichsten Gestalten der ägyptischen Götterwelt, während Nephthys eng mit Tod und Bestattung verbunden war.
Nut steht damit gewissermaßen über einer ganzen Generation von Göttern, deren Geschichten immer wieder um Herrschaft, Tod, Wiedergeburt und kosmische Ordnung kreisen.
Themen, die bereits in Nuts eigenem Wesen angelegt sind.
Eine Göttin zwischen Schöpfung und Wiedergeburt
Bei Nut laufen mehrere Vorstellungen zusammen, die auf den ersten Blick getrennt wirken.
Sie ist der Himmel.
Sie ist Mutter.
Sie nimmt die Sonne auf.
Sie bringt sie wieder hervor.
Sie schützt die Toten.
Und gerade dadurch verbindet sie Dinge, die sich eigentlich zu widersprechen scheinen.
Ende und Anfang.
Dunkelheit und Licht.
Tod und Geburt.
Nacht und Morgen.
Das macht Nut zu einer besonders eindrucksvollen Gestalt der ägyptischen Mythologie. Ihr Mythos versucht nicht, den Himmel naturwissenschaftlich zu erklären. Er gibt dem täglichen Verschwinden und Wiederkehren der Sonne eine Gestalt und verbindet diesen Kreislauf mit der menschlichen Hoffnung, dass auch der Tod nicht das endgültige Ende sein müsse.
Die Sonne verschwindet.
Aber Nut trägt sie weiter.
Nut, Re und die ewige Reise durch die Nacht
Die Geschichte Nuts berührt damit unmittelbar diejenige des Sonnengottes Re beziehungsweise Ra.
Seine Reise durch Himmel und Unterwelt gehört zu den großen kosmischen Erzählungen des alten Ägypten. Tagsüber bewegt sich der Sonnengott über den Himmel, nachts führt sein Weg durch eine verborgene Welt, bevor er am Morgen erneuert erscheint.
Ägyptische Grabtexte und Bildprogramme schildern diese Reise in unterschiedlichen Formen. Das Amduat etwa gliedert die Nacht in zwölf Stunden und begleitet den Sonnengott auf seinem Weg durch die Unterwelt.
Nut bildet gewissermaßen den kosmischen Rahmen dieses Geschehens.
Bei Sonnenuntergang nimmt sie die Sonne auf.
Bei Sonnenaufgang gibt sie sie der sichtbaren Welt zurück.
Wer die Geschichte Nuts weitererzählt, gelangt deshalb fast zwangsläufig zu Ra und seiner nächtlichen Fahrt.
Und wer dieser Reise folgt, begegnet einer Vorstellung, die sich durch viele Bereiche der ägyptischen Religion zieht: Das Leben bleibt bestehen, weil die kosmischen Abläufe immer wieder erneuert werden.
Nichts daran geschieht nur einmal.
Die Welt muss jeden Morgen aufs Neue beginnen.
Wenn sich Nut über die Erde beugt
Heute betrachten wir den Nachthimmel anders.
Wir kennen die Bewegungen der Erde und wissen, weshalb die Sonne am Horizont verschwindet. Wir können Sterne vermessen, ihre Entfernungen berechnen und weit über das hinausblicken, was Menschen im alten Ägypten sehen konnten.
Doch all dieses Wissen nimmt den alten Bildern nicht ihre Kraft.
Vielleicht geschieht sogar das Gegenteil.
Denn irgendwo zwischen den Sternen ist noch immer jene gewaltige Gestalt vorstellbar, die ägyptische Künstler vor Jahrtausenden auf Papyrus, Särge und Grabwände zeichneten.
Unter ihr liegt Geb.
Zwischen beiden erhebt Schu seine Arme.
Und über der Erde spannt sich Nut von einem Horizont zum anderen.
Wenn die Sonne im Westen verschwindet, beginnt ihre verborgene Reise.
Die Nacht breitet sich aus. Sterne erscheinen auf dem dunklen Himmel.
Stunden vergehen.
Dann wird es im Osten hell.
Und für einen Augenblick lässt sich erahnen, warum Menschen vor Jahrtausenden darin mehr sahen als einen neuen Tag.
Die Himmelsgöttin hat die Sonne zurückgebracht.
Die Welt beginnt von Neuem.
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