Selene griechische Göttin des Mondes

Selene – die griechische Göttin des Mondes

Die Sonne ist längst hinter den Bergen verschwunden. Über dem Meer liegt Dunkelheit, und die Konturen der Küste lösen sich langsam in der Nacht auf. Dann erscheint über dem Horizont ein fahles Leuchten.

Erst ist es nur ein heller Saum. Wenig später steigt der Mond empor.

Für die Menschen des alten Griechenlands musste dieser Anblick nicht bloß bedeuten, dass ein ferner Himmelskörper über ihnen stand. Der Mond konnte eine Göttin sein. Eine Gestalt mit hellem Antlitz und leuchtendem Gewand, die Nacht für Nacht über den Himmel zog und ihr Licht über Berge, Wälder und das dunkle Meer legte.

Ihr Name war Selene.

In einem der Homerischen Hymnen erscheint sie in genau dieser Gestalt: Von ihrem unsterblichen Haupt strahlt Licht über die Erde, sie kleidet sich in ein weithin leuchtendes Gewand, spannt ihre Pferde an und fährt am Abend über den Himmel. Besonders hell erstrahlt sie zur Zeit des Vollmondes.

Doch unter den Geschichten über Selene gibt es eine, die ihren Namen bis heute begleitet.

Es ist die Geschichte eines schlafenden Mannes.

Und einer Göttin, die Nacht für Nacht zu ihm zurückkehrt.

Wer war Selene in der griechischen Mythologie?

Selene war die göttliche Verkörperung des Mondes.

In der griechischen Mythologie war sie also nicht lediglich eine Göttin, die über den Mond herrschte. Der Mond selbst wurde in ihr zu einer göttlichen Gestalt.

Nach der bei Hesiod überlieferten Genealogie war Selene eine Tochter der Titanen Hyperion und Theia. Ihre Geschwister waren Helios, die Sonne, und Eos, die Morgenröte. Auch der Mythograph Apollodor nennt diese drei Kinder des Hyperion und der Theia: Morgenröte, Sonne und Mond.

Damit gehörte Selene zu einer göttlichen Familie, in der sich einige der mächtigsten Erscheinungen des Himmels in Gestalten verwandelten.

Eos öffnete gewissermaßen den neuen Tag.

Helios zog als Sonne über den Himmel.

Und wenn sein Licht im Westen verschwand, gehörte die Nacht Selene.

Allerdings kennt die antike Überlieferung nicht nur eine einzige Abstammung der Mondgöttin. Andere Quellen nennen abweichende Eltern. Gerade bei griechischen Mythen ist das nichts Ungewöhnliches: Geschichten wurden über lange Zeiträume hinweg erzählt, verändert und miteinander verbunden. Die Abstammung von Hyperion und Theia gehört jedoch zu den bekanntesten Überlieferungen.

Selene erscheint dabei weniger wie eine ferne, unsichtbare Macht. Die Dichter gaben dem Mond eine Gestalt.

Wenn Selene ihren Wagen über den Nachthimmel lenkt

Man kann sich vorstellen, wie wirkungsvoll dieses Bild in einer Welt gewesen sein muss, deren Nächte tatsächlich dunkel waren.

Keine erleuchteten Straßen. Keine hellen Fenster über kilometerweite Landschaften. Kein Lichtschein großer Städte am Horizont.

Nur Feuerstellen, Öllampen und darüber der Himmel.

Wenn der Vollmond aufstieg, veränderte sich die Nacht.

Wege wurden sichtbar. Felsen zeichneten sich wieder ab. Das Meer begann zu glänzen. Schatten erschienen dort, wo kurz zuvor beinahe völlige Dunkelheit geherrscht hatte.

Die Griechen machten aus diesem Licht eine Reisende.

Im Homerischen Hymnus an Selene wird erzählt, wie die Göttin ihren Körper im Okeanos badet, ihr strahlendes Gewand anlegt und ihre Pferde vor den Wagen spannt. Dann fährt sie am Abend durch die Höhe. Zur Mitte des Monats, wenn ihre Scheibe voll geworden ist, leuchten ihre Strahlen besonders hell.

Das ist keine astronomische Beschreibung.

Es ist ein Bild.

Unten liegt die dunkle Welt der Menschen. Darüber zieht die Göttin ihre Bahn.

Selene wurde in der antiken Bildwelt häufig mit einem Wagen verbunden; die literarischen Überlieferungen kennen dabei Pferde als ihre Zugtiere. Spätere Darstellungen zeigen sie oft mit einem halbmondförmigen Schmuck oder einer Mondsichel über dem Kopf.

Doch so eindrucksvoll ihre Fahrt über den Himmel ist, wurde nicht ihr Wagen zur berühmtesten Geschichte der Mondgöttin.

Sondern ihre Liebe.

Selene und Endymion – die Liebe der Mondgöttin

Irgendwo in der Dunkelheit liegt ein Mann und schläft.

Vielleicht in einer Höhle. Vielleicht draußen unter dem nächtlichen Himmel. Die Überlieferungen machen aus ihm einmal einen König, dann einen Jäger oder einen Hirten. Selbst seine Heimat ist nicht in allen Geschichten dieselbe.

Sein Name ist Endymion.

Und er soll von außergewöhnlicher Schönheit gewesen sein.

Die Mondgöttin sieht ihn.

Dann verliebt sie sich.

Was anschließend geschieht, lässt sich nicht zu einer einzigen ursprünglichen Geschichte zusammensetzen. Schon die antiken Quellen bewahren verschiedene Fassungen von Endymions Schicksal. Gerade darin liegt ein Teil des Reizes dieser Sage.

Eine Tradition verbindet Endymion mit Elis auf der griechischen Peloponnes. Pausanias berichtet von der dortigen Überlieferung, nach der der Mond sich in Endymion verliebte und mit ihm fünfzig Töchter hatte.

Eine andere Tradition führt weit über die Ägäis nach Kleinasien.

Dort erhebt sich der Latmos, ein Gebirge im heutigen Westen der Türkei. Mit diesem Ort wurde Endymions berühmter Schlaf verbunden. Eine antike Überlieferung kannte dort sogar ein Heiligtum und ein Grab des Endymion in einer Höhle.

Hier bekommt die Geschichte jenes Bild, das sie über Jahrhunderte prägen sollte:

Endymion schläft.

Selene steigt zu ihm herab.

Die Göttin des Mondes verlässt für einen Augenblick ihre himmlische Bahn und sucht den Sterblichen auf, dessen Schönheit sie nicht vergessen kann.

Nacht für Nacht scheint ihr Licht auf den Schlafenden.

Warum schlief Endymion für immer?

Gerade beim ewigen Schlaf Endymions zeigen sich die unterschiedlichen Schichten des Mythos besonders deutlich.

Nach einer Überlieferung durfte Endymion selbst von Zeus wählen, wie sein Leben aussehen sollte. Er entschied sich für ewigen Schlaf, verbunden mit ewiger Jugend und Unsterblichkeit. Eine entsprechende Version findet sich bei Apollodor; auch andere antike Autoren kannten den unaufhörlichen Schlaf Endymions.

Andere Fassungen erzählen etwas anderes.

In einer davon ist es Selene selbst, die Endymion schlafen lässt. Seine Schönheit bezaubert sie so sehr, dass sie ihn in diesem Zustand bewahren und ihn ungestört betrachten und küssen kann.

Und wieder eine andere Tradition macht den Schlaf zur Strafe: Endymion soll sich auf dem Olymp in Hera verliebt haben, worauf Zeus ihn in ewigen Schlaf versetzte.

Welche dieser Geschichten zuerst erzählt wurde, lässt sich nicht einfach entscheiden.

Für Himmelsgeschichten ist gerade diese Unsicherheit wichtig. Der Mythos war kein Roman mit einem einzigen verbindlichen Text. Geschichten lebten davon, dass Dichter, Orte und Generationen sie unterschiedlich erzählten.

Doch die Fassungen kreisen um dasselbe rätselhafte Bild.

Ein Sterblicher schläft, ohne zu altern.

Über ihm steht der Mond.

Und immer wieder kehrt Selene zu ihm zurück.

Die fünfzig Töchter von Selene und Endymion

Auch die Zahl der Kinder des ungewöhnlichen Liebespaares fällt auf.

Pausanias berichtet ausdrücklich, dass Selene und Endymion fünfzig Töchter gehabt hätten.

Warum gerade fünfzig?

Moderne Deutungen haben versucht, die Zahl mit Mondzyklen oder alten Zeitrechnungen in Verbindung zu bringen. Solche Erklärungen können reizvoll sein, sollten jedoch nicht mit der antiken Erzählung selbst verwechselt werden. Die Quelle überliefert die fünfzig Töchter; eine eindeutige Erklärung ihrer Zahl liefert sie nicht.

Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie vorsichtig man bei alten Mythen sein muss.

Nicht jedes rätselhafte Detail besitzt eine Bedeutung, die wir heute noch sicher entschlüsseln können. Manchmal bleibt nur die Geschichte.

Und vielleicht gehört gerade das zu ihrer Schönheit.

Selene war nicht Artemis

Wer an eine griechische Mondgöttin denkt, stößt schnell auf einen anderen berühmten Namen: Artemis.

Tatsächlich wurden Artemis und der Mond im Laufe der Antike miteinander verbunden. Trotzdem sollte man Selene und Artemis nicht einfach zu derselben Göttin machen.

Selene ist in frühen mythologischen Genealogien eine eigenständige Gestalt. Hesiod nennt die strahlende Selene ausdrücklich neben anderen Gottheiten, und die bekannte Abstammung macht sie zur Schwester von Helios und Eos.

Selene verkörpert unmittelbar den Mond.

Artemis dagegen besitzt eine sehr viel breitere mythologische Persönlichkeit. Sie ist unter anderem Göttin der Jagd und eine Tochter von Zeus und Leto. Die spätere Verbindung mit dem Mond ließ die Grenzen zwischen verschiedenen Göttinnen stellenweise verschwimmen, ohne ihre unterschiedlichen Ursprünge vollständig auszulöschen.

Ähnliches geschah mit Hekate, die ebenfalls mit Nacht, Fackeln und später teilweise mit Mondvorstellungen verbunden wurde.

Wer die griechischen Mythen wie einen sauber geordneten Stammbaum betrachtet, gerät deshalb schnell in Schwierigkeiten. Die antike Religion war über viele Jahrhunderte lebendig. Lokale Kulte, Dichtung und neue Deutungen konnten Gestalten miteinander verbinden, die in älteren Überlieferungen deutlich voneinander unterschieden waren.

Selene blieb dennoch eine der unmittelbarsten Verkörperungen des Mondes.

Ihr Name bedeutete nicht nur die Göttin.

Er bezeichnete auch den Mond.

Die leuchtende Tochter der Titanen

Selene gehört zu einer älteren Göttergeneration als die berühmten olympischen Geschwister Apollo und Artemis.

Ihre Eltern Hyperion und Theia zählen zu den Titanen. Hesiod führt beide unter den Kindern von Gaia und Uranos auf.

Aus ihrer Verbindung entstehen drei Geschwister, die gemeinsam beinahe einen ganzen Tag am Himmel erzählen können.

Da ist Eos, die Morgenröte.

Da ist Helios, die Sonne.

Und da ist Selene, der Mond.

Die drei sind nicht bloß Herrscher über Naturerscheinungen. In der mythologischen Vorstellung werden die Erscheinungen selbst lebendig.

Die Morgenröte kommt.

Die Sonne fährt.

Der Mond steigt auf.

Dadurch bekommt der Himmel etwas Menschliches. Er besitzt Beziehungen, Abstammungen, Leidenschaften und Geschichten.

Selene kann lieben.

Helios kann beobachten.

Eos kann trauern.

Die Himmelserscheinungen sind keine stummen Kulissen mehr. Sie handeln.

Vielleicht erklärt gerade das, warum diese alten Bilder so lange überlebt haben.

Selene im Homerischen Hymnus

Zu den eindrucksvollsten antiken Zeugnissen über die Mondgöttin gehört der 32. Homerische Hymnus, der Selene gewidmet ist. Der erhaltene Text ist kurz, zeichnet aber ein erstaunlich klares Bild der Göttin.

Selene erscheint darin als leuchtende Königin. Ihr Glanz breitet sich über die Erde aus und verwandelt die zuvor dunkle Luft. Nach ihrem Bad im Okeanos legt sie ihr strahlendes Gewand an und spannt ihre Pferde an.

Dann beginnt ihre Fahrt.

Der Hymnus nennt außerdem eine andere göttliche Liebesverbindung Selenes: Mit Zeus zeugt sie Pandia, eine Tochter, die unter den unsterblichen Göttern durch ihre Schönheit hervorgehoben wird.

Bemerkenswert ist, wie stark der Text vom Licht geprägt ist.

Selene ist hell.

Ihr Haupt leuchtet.

Ihr Gewand leuchtet.

Ihre Strahlen fallen auf die Erde.

Die Nacht wird durch ihre Gegenwart nicht beseitigt. Sie wird verwandelt.

Das unterscheidet Selene auch in der Vorstellung von ihrem Bruder Helios. Das Licht der Sonne vertreibt die Dunkelheit. Das Licht des Mondes gehört zur Dunkelheit.

Vielleicht liegt darin ein Grund, weshalb die Geschichte von Selene und Endymion so vollkommen zu ihr passt.

Es ist keine Liebe des Tages.

Sie braucht Stille.

Sie braucht Schlaf.

Sie braucht die Nacht.

Was die Geschichte von Selene so besonders macht

Selene gehört nicht zu jenen griechischen Gottheiten, deren Mythen aus endlosen Abenteuern, Kämpfen und Intrigen bestehen.

Zeus schleudert Blitze. Athena greift in die Kriege der Menschen ein. Poseidon lässt das Meer erzittern. Herakles kämpft gegen Ungeheuer.

Selene dagegen fährt.

Sie leuchtet.

Und sie liebt einen Schlafenden.

Gerade diese Ruhe gibt ihrer Geschichte ihren eigenen Charakter.

Natürlich darf man darin nicht einfach eine moderne Liebesgeschichte sehen. Die antiken Fassungen über Endymions Schlaf unterscheiden sich erheblich, und manches, was spätere Kunst und Literatur romantisch ausgestaltet haben, steht so nicht in den ältesten erhaltenen Quellen.

Doch das zentrale Bild war stark genug, um weiterzuleben.

Der ewige Schläfer und die Mondgöttin wurden zu einem Motiv, das Dichter und Künstler immer wieder aufgriffen.

Denn kaum ein anderes Götterpaar verbindet zwei Dinge so unmittelbar miteinander, die ohnehin jede Nacht zusammengehören:

Mondlicht und Schlaf.

Wenn die Mondgöttin wiederkehrt

Vielleicht liegt Endymion noch immer dort.

Nicht als Mensch aus Fleisch und Blut. Nicht irgendwo verborgen in einer Höhle, in der man ihn finden könnte.

Sondern in der Geschichte.

Der Berg ist dunkel geworden. Die Geräusche des Tages sind verstummt. Zwischen den Felsen liegt der Schlafende, unverändert, als wäre keine Zeit vergangen.

Dann fällt Licht in die Höhle.

Selene ist zurück.

Für einen Augenblick berührt der Himmel die Erde, die Unsterbliche den Sterblichen, das ewige Wandern die ewige Ruhe.

Und irgendwann zieht die Göttin weiter.

Am nächsten Abend wird der Mond wieder über dem Horizont erscheinen. Er wird wachsen, rund werden und wieder schwinden. Die Menschen werden hinaufsehen, so wie Menschen vor ihnen seit Jahrtausenden hinaufgesehen haben.

Wir wissen heute, dass dort keine Göttin mit einem Pferdegespann über den Himmel fährt.

Doch die alte Geschichte verändert den Blick trotzdem.

Denn wer Selene kennt, kann in einer hellen Mondnacht noch etwas anderes sehen als Licht in der Dunkelheit:

eine Göttin auf ihrem nächtlichen Weg – und irgendwo unter ihr einen Schlafenden, zu dem sie immer wieder zurückkehrt.

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