Die Milchstraße in Mythen und Legenden

Die Milchstraße in Mythen und Legenden der Welt

In einer mondlosen Nacht scheint sich manchmal ein blasser, beinahe geisterhafter Strom über den Himmel zu ziehen. Er beginnt irgendwo in der Dunkelheit, verliert sich zwischen den Sternen und führt weiter, als gäbe es jenseits des Horizonts noch einen anderen Himmel.

Heute nennen wir dieses helle Band die Milchstraße.

Doch lange bevor Menschen wussten, was sie dort sahen, gaben sie ihm andere Namen. Sie sahen verschüttete Milch und verstreutes Korn, einen Fluss zwischen Liebenden, die Spur eines geheimnisvollen Wesens, einen Weg der Ahnen oder eine Straße, auf der die Toten in eine andere Welt zogen.

Kaum ein Anblick am Nachthimmel hat so viele Geschichten hervorgebracht.

Und obwohl diese Geschichten Tausende Kilometer voneinander entfernt entstanden, begegnet darin immer wieder derselbe Gedanke: Die Milchstraße ist nicht einfach nur etwas, das am Himmel steht.

Sie führt irgendwohin.

Ein heller Weg durch die Nacht

Wer die Milchstraße fern von künstlichem Licht betrachtet, kann verstehen, weshalb frühere Kulturen in ihr einen Weg oder einen Strom erkannten.

Schon der griechische Dichter Aratos beschrieb im 3. Jahrhundert v. Chr. ein breites, helles Band, das den Himmel durchzieht. Der Anblick selbst war also seit der Antike vertraut. Was dieses geheimnisvolle Leuchten bedeutete, war jedoch eine andere Frage.

Darauf fanden Menschen sehr unterschiedliche Antworten.

Manche Geschichten erklärten, wie das helle Band entstanden war. Andere machten daraus eine Grenze zwischen zwei Welten. Wieder andere sahen darin einen Pfad, den Menschen nach ihrem Tod beschreiten mussten.

Die Milchstraße wurde dadurch zu etwas, das Himmel und Erde miteinander verband.

Und eine der bekanntesten Erklärungen für ihren Ursprung beginnt ausgerechnet mit einigen Tropfen Milch.

Die griechische Milchstraße – als Heras Milch über den Himmel spritzte

Der griechische Name galaxias hängt mit dem Wort für Milch zusammen. Auch unser Begriff „Galaxie“ trägt diese alte Vorstellung bis heute in sich.

Eine überlieferte Erklärung für das milchige Band findet sich beim antiken Mythographen Hyginus.

Im Mittelpunkt steht Herakles – der Sohn des Zeus und der sterblichen Alkmene.

Herakles war zwar ein Kind des mächtigsten Gottes des Olymp, doch seine Mutter war keine Göttin. In einer bei Hyginus überlieferten Fassung wird der Säugling deshalb an die Brust der Hera gelegt.

Ausgerechnet Hera.

Die Gemahlin des Zeus, die dem aus einer anderen Verbindung ihres Mannes hervorgegangenen Herakles keineswegs freundlich gesinnt war.

Man kann sich die Szene beinahe vorstellen: Hera schläft, während das fremde Kind an ihrer Brust trinkt. Dann erwacht sie. Sie erkennt, wen sie nährt, und stößt den Säugling von sich.

Milch spritzt davon.

Doch sie fällt nicht auf die Erde.

Sie verteilt sich über den Himmel und hinterlässt dort einen hellen Streifen.

Die Milchstraße.

So wurde aus einem kurzen Augenblick zwischen Göttin und Kind eine Spur, die nach der Überlieferung Nacht für Nacht über den Menschen stand.

Hyginus kannte allerdings noch eine andere Erklärung. Darin ist es nicht Hera, deren Milch an den Himmel gelangt, sondern Rhea. Als sie Kronos einen in Windeln gewickelten Stein anstelle des neugeborenen Zeus übergibt, soll beim Stillen Milch hervorgetreten sein, aus der das helle Band am Himmel entstand.

Schon innerhalb der griechisch-römischen Überlieferung gab es also nicht nur eine einzige Geschichte über den Ursprung der Milchstraße.

Die berühmte Erzählung von Hera und Herakles wurde jedoch besonders wirkmächtig. Jahrhunderte später griffen Künstler das Motiv erneut auf und verwandelten den himmlischen Milchstrom in Gemälde.

Doch andernorts sahen die Menschen keinen Strom aus göttlicher Milch.

Sie sahen einen Fluss.

China – der Himmelsfluss zwischen zwei Liebenden

Am chinesischen Himmel konnte die Milchstraße als Tianhe, als „Himmelsfluss“, erscheinen.

Und an seinen gegenüberliegenden Ufern stehen zwei Gestalten, deren Geschichte zu den bekanntesten Liebeslegenden Ostasiens gehört: der Kuhhirte und die Weberin.

In verschiedenen Fassungen der Überlieferung tragen sie die Namen Niulang und Zhinü. Am Himmel werden sie mit den Sternen Altair und Vega verbunden.

Zhinü ist die himmlische Weberin. Niulang ist der Kuhhirte.

Sie verlieben sich.

Doch ihre Verbindung bringt die Ordnung des Himmels durcheinander. Die Liebenden werden voneinander getrennt und zwischen ihnen liegt fortan ein gewaltiges Hindernis:

der Himmelsfluss. Die Milchstraße.

Nun können sie einander sehen, aber nicht erreichen.

Nur einmal im Jahr soll ihnen die Trennung genommen werden. Am siebten Tag des siebten Monats kommen der Überlieferung zufolge Elstern zusammen und bilden mit ihren Flügeln eine Brücke über den himmlischen Strom.

Für eine einzige Nacht können die Liebenden einander wieder begegnen.

Dann trennen sich ihre Wege erneut.

Die Legende lebt im chinesischen Qixi-Fest weiter und gelangte in unterschiedlichen Formen auch nach Japan. Dort wurde sie Teil der Tradition des Tanabata-Festes. Auch hier spielen Vega, Altair und die Milchstraße – japanisch Amanogawa, der „Himmelsfluss“ – eine zentrale Rolle.

So wurde das helle Band am Himmel zur vielleicht größten Entfernung, die eine Liebesgeschichte kennen kann: breit genug, um zwei Menschen beinahe das ganze Jahr voneinander zu trennen.

Doch die Milchstraße konnte noch eine andere Art von Grenze sein.

Nicht zwischen zwei Liebenden.

Sondern zwischen den Lebenden und den Toten.

Die Milchstraße als Weg der Seelen

Die Vorstellung eines himmlischen Weges findet sich in verschiedenen Kulturen. Dabei muss man vorsichtig sein: Es handelt sich nicht um eine einzige, weltweit verbreitete Lehre. Die jeweiligen Traditionen entstanden in unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen und erzählen nicht dieselbe Geschichte.

Trotzdem ist die Ähnlichkeit des Bildes bemerkenswert.

Bei einigen indigenen Völkern Nordamerikas wurde die Milchstraße mit dem Weg der Verstorbenen verbunden. Ethnographische Aufzeichnungen über irokesische beziehungsweise huronische Vorstellungen berichten beispielsweise von der Milchstraße als einem „Pfad der Seelen“, über den die Verstorbenen in das Land der Toten gelangten.

Damit wurde das helle Band zu einer Straße zwischen den Welten.

Vielleicht liegt dieses Bild besonders nahe, weil die Milchstraße tatsächlich wie ein Weg aussieht. Sie besitzt keine klaren Mauern und keine Tore. Sie zieht einfach durch die Dunkelheit.

Wer ihr in Gedanken folgt, gelangt immer weiter fort.

Bis dorthin, wohin ein lebender Mensch nicht mehr folgen kann.

Die Verbindung zwischen Milchstraße, Tod und Ahnen begegnet auch in anderen Überlieferungen. Für die Maya etwa konnte die Milchstraße mit einem himmlischen Weg der Ahnen verbunden sein.

Das macht sie zu einem der eindrucksvollsten Bilder, die Menschen dem Nachthimmel gegeben haben: Über den Köpfen der Lebenden verläuft eine Straße derer, die vor ihnen gegangen sind.

Die Cherokee und das verschüttete Maismehl

Doch nicht jede Geschichte über die Milchstraße führt in die Welt der Toten.

Eine Cherokee-Erzählung gibt dem hellen Band einen sehr irdischen Ursprung.

In einer überlieferten Geschichte wird einem älteren Paar Maismehl gestohlen. Als die Menschen versuchen, den Dieb zu vertreiben, entsteht daraus schließlich die Spur am Himmel, die als Milchstraße sichtbar bleibt.

In bekannten Fassungen der Erzählung ist der Dieb ein Hund, der beim Davonlaufen das gestohlene Maismehl hinter sich verstreut.

Was am Himmel wie unzählige helle Punkte erscheint, wird dadurch zu einer Spur aus Nahrung.

Das Bild unterscheidet sich stark von der griechischen Geschichte – und besitzt doch eine auffällige Ähnlichkeit.

Dort ist es Milch, die sich über den Himmel verteilt. Hier ist es Maismehl.

In beiden Fällen wird das schwer erklärbare Leuchten durch etwas Vertrautes begreifbar. Menschen sahen hinauf und fanden am Himmel etwas wieder, das zu ihrem eigenen Leben gehörte.

Gerade darin liegt eine besondere Kraft vieler Himmelsmythen: Der Himmel bleibt gewaltig und geheimnisvoll und trotzdem rückt er plötzlich ganz nah an den Alltag der Menschen heran.

Nicht nur die Sterne erzählen Geschichten

Eine besonders faszinierende Art, die Milchstraße zu betrachten, findet sich in den Himmelsüberlieferungen indigener australischer Kulturen.

Dabei ist eine wichtige Einschränkung notwendig: Es gibt nicht „die“ Mythologie der Aboriginal Australians. Australien besitzt zahlreiche indigene Völker, Sprachen und Überlieferungstraditionen. Entsprechend unterschiedlich sind auch die Geschichten über den Himmel.

In mehreren Traditionen spielt jedoch eine Gestalt eine besondere Rolle: der Emu am Himmel.

Das Bemerkenswerte daran ist, dass dieser Emu nicht hauptsächlich aus hellen Sternen besteht.

Er entsteht aus der Dunkelheit.

Dunkle Staubwolken innerhalb des hellen Bandes der Milchstraße bilden seine Gestalt. Eine markante dunkle Region nahe dem Kreuz des Südens kann als Kopf erscheinen, während sich Hals und Körper durch weitere dunkle Bereiche der Milchstraße ziehen.

Damit verändert sich der Blick auf den Himmel vollständig.

Viele europäische Sternbilder verbinden einzelne helle Sterne zu Figuren. Beim Emu geschieht beinahe das Gegenteil: Nicht die Lichtpunkte ergeben das Bild, sondern die dunklen Räume zwischen ihnen.

Der Himmel erzählt also auch dort eine Geschichte, wo scheinbar nichts leuchtet.

Überlieferungen rund um den Emu unterscheiden sich von Gemeinschaft zu Gemeinschaft und können mit Landschaft, Jahreszeiten, Nahrung und Zeremonien verbunden sein. Die Milchstraße ist dabei nicht bloß Hintergrund für eine Figur. Ihre hellen und dunklen Bereiche werden selbst zu einem Teil der Erzählung.

Wer dieses Bild einmal kennt, sieht das nächtliche Band anders.

Plötzlich ist die Dunkelheit nicht länger leer.

Ein Pfad im Schnee – Geschichten aus dem Norden

Auch weit im Norden wurde das helle Band am Himmel mit Wegen und Spuren verbunden.

Bei den Khanty Westsibiriens ist eine Überlieferung dokumentiert, in der die Milchstraße als Spur eines Skiläufers erscheint. Ein mythischer Held bewegt sich auf Skiern über den Himmel und hinterlässt eine Bahn, deren verstreute Sterne an aufgewirbelten Schnee erinnern.

Wieder wird etwas Unbegreifliches mit einer vertrauten Landschaft erklärt.

Wo andere Kulturen einen Fluss sahen, konnte eine Gesellschaft aus einer winterlichen Welt eine Spur im Schnee erkennen.

Das ist vielleicht einer der schönsten Aspekte der Mythen um die Milchstraße: Der Himmel blieb derselbe, doch die Geschichten spiegelten die Welt der Menschen wider, die zu ihm hinaufsahen.

Wasser wurde zum Himmelsfluss.

Schnee wurde zur Spur eines Skiläufers.

Maismehl wurde zu Sternen.

Und göttliche Milch zu einem leuchtenden Band.

Ein Himmel – viele Milchstraßen

Es wäre verführerisch, aus all diesen Geschichten eine einzige Botschaft herauslesen zu wollen. Doch damit würde man den Überlieferungen ihre Eigenständigkeit nehmen.

Die griechische Geschichte von Hera und Herakles ist nicht dieselbe Geschichte wie die chinesische Legende vom Kuhhirten und der Weberin. Der Emu australischer indigener Himmelskulturen gehört in einen anderen kulturellen Zusammenhang als der Cherokee-Mythos vom verstreuten Maismehl.

Und doch beantworteten sie eine ähnliche Frage:

Was ist dieses geheimnisvolle helle Band, das sich durch die Nacht zieht?

Die Antworten verraten dabei oft ebenso viel über die Menschen wie über den Himmel.

Wer in einer Welt von Flüssen lebte, konnte einen himmlischen Strom erkennen.

Wer über verschneite Landschaften zog, sah eine Spur.

Andere erkannten Nahrung, Tiere, Götter oder die Straße ihrer Ahnen.

Vielleicht liegt gerade darin der Grund, weshalb die Milchstraße zu den großen mythologischen Landschaften des Himmels gehört. Sie ähnelt keinem einzelnen Gegenstand vollkommen. Sie ist undeutlich genug, um der Vorstellungskraft Raum zu lassen – und auffällig genug, um nicht ignoriert zu werden.

Wenn der Himmel zu einer Landschaft wird

Bei vielen Sternbildern konzentriert sich eine Geschichte auf eine einzelne Gestalt: einen Jäger wie Orion, eine gefesselte Königstochter wie Andromeda oder sieben Schwestern wie die Plejaden.

Die Milchstraße ist anders.

Sie ist keine einzelne Figur.

Sie ist eine Landschaft.

In ihr können Wege verlaufen. Flüsse können strömen. Tiere können sich verbergen. Liebende können an ihren Ufern warten. Ahnen können auf ihr in eine andere Welt ziehen.

Vielleicht wurde sie gerade deshalb in so vielen Kulturen zu einer Grenze und zugleich zu einer Verbindung.

Denn ein Weg trennt zwei Orte – aber er verbindet sie auch.

Ein Fluss kann zwei Menschen auseinanderhalten – und dennoch zeigt sein Lauf, dass beide Ufer zu derselben Landschaft gehören.

Und ein Pfad der Toten erzählt von einer Grenze, die kein Lebender überschreiten kann, während er zugleich die Hoffnung ausdrückt, dass hinter dieser Grenze noch etwas liegt.

Was wir sehen, wenn wir heute zur Milchstraße hinaufblicken

Viele der alten Geschichten entstanden unabhängig voneinander. Sie gehören zu verschiedenen Völkern, Jahrhunderten und Vorstellungen von der Welt. Man sollte sie nicht zu einem einzigen großen „Mythos der Menschheit“ verschmelzen.

Doch man kann sie nebeneinanderstellen.

Dann geschieht etwas Merkwürdiges.

Dasselbe helle Band wird zu göttlicher Milch und verstreutem Maismehl, zu einem Himmelsfluss und einer Spur im Schnee, zur Heimat eines gewaltigen Emus und zum Weg der Verstorbenen.

Der Himmel verändert sich dabei nicht.

Nur die Geschichte verändert sich.

Vielleicht liegt darin etwas, das wir heute leicht vergessen. Für frühere Generationen war der Nachthimmel nicht bloß eine dunkle Fläche über der Erde. Er war voller Wege, Wesen, Erinnerungen und Geschichten.

Und wenn du irgendwann weit entfernt von den Lichtern der Städte unter einem wirklich dunklen Himmel stehst, kannst du diesen alten Blick für einen Augenblick wiederfinden.

Über dir zieht sich ein blasses Band durch die Nacht.

Vielleicht siehst du darin nur Licht.

Vielleicht aber auch einen Fluss, den zwei Liebende nicht überqueren können. Die Spur eines fliehenden Diebes. Einen Vogel, der aus Dunkelheit besteht. Einen Weg durch Schnee.

Oder eine Straße, die weit hinter dem Horizont weiterführt.

Denn Menschen haben nie nur Sterne am Himmel gesehen.

Sie haben dort oben ihre Geschichten gefunden.

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