Pegasus Sage

Pegasus – die Sage vom geflügelten Pferd

Aus dem Tod der Medusa wurde etwas geboren, das nicht zu den Schrecken der Welt gehörte.

Perseus hatte sein Schwert geführt. Das Haupt der Gorgone war gefallen. Doch in jenem Augenblick, in dem ihr Leben endete, geschah etwas Unerwartetes: Aus Medusa gingen zwei Gestalten hervor. Chrysaor – und ein Pferd.

Kein gewöhnliches Pferd.

Pegasus.

Ein Wesen, das die Erde bald hinter sich lassen würde. Ein Pferd, dessen Weg durch die griechische Mythologie zu feuerspeienden Ungeheuern, göttlichen Quellen und schließlich bis zum Olymp führte.

Heute kennen viele Pegasus als das weiße Pferd mit mächtigen Flügeln. Kaum eine andere Gestalt der griechischen Sagenwelt ist so leicht wiederzuerkennen. Doch seine Geschichte wird oft anders erzählt, als sie in den alten Überlieferungen erscheint.

Vor allem ein berühmtes Bild führt in die Irre: Perseus, der auf Pegasus durch den Himmel reitet, Andromeda entdeckt und auf dem geflügelten Pferd zu ihrer Rettung eilt.

Es ist ein schönes Bild.

Nur ist es nicht die eigentliche antike Geschichte des Pegasus.

Sein großer Held hieß nicht Perseus.

Er hieß Bellerophon.

Die Geburt des Pegasus

Die Geschichte des Pegasus beginnt bei Medusa.

In Hesiods Theogonie, einem der ältesten erhaltenen Werke der griechischen Literatur, wird Medusa als eine der drei Gorgonen beschrieben. Ihre Schwestern Stheno und Euryale waren unsterblich, Medusa dagegen war sterblich. Hesiod berichtet außerdem von ihrer Verbindung mit Poseidon.

Dann kam Perseus.

Er hatte den Auftrag erhalten, das Haupt der Medusa zu holen – eine Aufgabe, von der kaum jemand erwarten konnte, dass er lebend zurückkehren würde. Mit göttlicher Hilfe gelang ihm dennoch das Unmögliche.

Er enthauptete die Gorgone.

Und aus Medusa kamen Chrysaor und Pegasus hervor.

Schon Hesiod kennt diese ungewöhnliche Geburt. Er verbindet den Namen Pegasos dabei mit den Quellen, den pegai, des Okeanos. Nach seiner Erzählung erhob sich Pegasus anschließend von der Erde und gelangte zu den unsterblichen Göttern. Dort lebte er im Haus des Zeus und trug dem Göttervater Donner und Blitz.

Das ist bemerkenswert.

Denn in dieser frühen Überlieferung ist Pegasus keineswegs einfach das persönliche Reittier des Perseus. Perseus ist zwar unmittelbar mit seiner Geburt verbunden – schließlich fällt Medusas Haupt durch seine Hand –, doch danach trennen sich ihre Wege.

Das vertraute Bild vom Helden Perseus, der auf Pegasus durch die Lüfte fliegt und Andromeda vor dem Meeresungeheuer rettet, gehört vor allem zur späteren Bildtradition und zu modernen Nacherzählungen.

Für die eigentliche Sage des geflügelten Pferdes müssen wir einem anderen Helden folgen.

Bellerophon und das unbezähmbare Pferd

Sein Name war Bellerophon.

Auch seine Geschichte wurde in verschiedenen Fassungen überliefert. Für Pegasus ist besonders die Version des griechischen Dichters Pindar wichtig.

Bellerophon wollte das geflügelte Pferd besitzen.

Doch wie fängt man ein Wesen, dem der Himmel offensteht?

Ein gewöhnliches Pferd konnte man vielleicht in eine Koppel treiben. Man konnte ihm den Weg abschneiden, ein Seil werfen oder es langsam an die Nähe eines Menschen gewöhnen.

Pegasus brauchte nur seine Flügel auszubreiten.

Dann waren Zäune bedeutungslos.

Pindar erzählt in seiner 13. Olympischen Ode davon, wie Bellerophon sich vergeblich bemühte, Pegasus an der Quelle Peirene bei Korinth zu bezwingen. Schließlich erhielt er göttliche Hilfe.

Athena erschien ihm und brachte ein goldenes Zaumzeug.

Mit diesem Geschenk gelang, was menschliche Kraft allein nicht vermocht hatte: Bellerophon konnte Pegasus bändigen. In unterschiedlichen antiken Fassungen verändern sich Einzelheiten der Geschichte; teilweise ist es Athena selbst, die das Pferd zähmt oder Bellerophon übergibt.

Von nun an waren Held und Pferd miteinander verbunden.

Und bald zeigte sich, weshalb Bellerophon ein Wesen brauchte, das sich von der Erde erheben konnte.

Denn sein nächster Gegner war die Chimäre.

Pegasus und die Chimäre

Iobates, der König von Lykien, schickte Bellerophon gegen ein Wesen, von dem kaum zu erwarten war, dass ein Mensch den Kampf überleben würde.

Die Chimäre.

Schon ihr Körper widersprach der natürlichen Ordnung. Die antiken Beschreibungen verbinden in ihr verschiedene Tiere: Löwe, Ziege und Schlange. Und sie besaß eine Waffe, gegen die ein gewöhnlicher Kämpfer nur wenig ausrichten konnte.

Sie spie Feuer.

Hesiod beschreibt sie als furchterregendes, mächtiges und schnelles Wesen. Und er nennt auch diejenigen, die sie schließlich töteten:

Bellerophon und Pegasus.

Man braucht nicht viel Fantasie, um zu verstehen, welchen Vorteil das geflügelte Pferd seinem Reiter verschaffte.

Unter ihnen die Chimäre.

Vor ihnen Rauch und Feuer.

Doch Pegasus war nicht an den Boden gebunden.

Er konnte Bellerophon dorthin tragen, wohin die Klauen und Flammen des Ungeheuers nicht ohne Weiteres reichten. Spätere Darstellungen haben diesen Kampf immer wieder aufgegriffen: Bellerophon auf dem Rücken des geflügelten Pferdes, darunter oder vor ihm die Chimäre.

Der Held gewann.

Aber die Geschichte war damit nicht vorbei.

Bellerophon errang weitere Siege. Pindar verbindet ihn unter anderem mit Kämpfen gegen die Solymer und die Amazonen.

Mit jedem Erfolg musste es leichter werden, sich unbesiegbar zu fühlen.

Vielleicht lag gerade darin die größere Gefahr. Denn nicht die Chimäre sollte Bellerophon schließlich zu Fall bringen.

Als Bellerophon zum Himmel wollte

Es gibt in den griechischen Mythen eine Grenze, die Menschen besser nicht überschreiten.

Sie verläuft nicht auf einer Landkarte.

Sie trennt die Sterblichen von den Göttern.

Bellerophon hatte Dinge vollbracht, an denen andere Menschen gescheitert wären. Er hatte Pegasus gezähmt. Er hatte die Chimäre besiegt. Er hatte Gegner überwunden, die ihn hätten vernichten sollen.

Und irgendwann genügte ihm die Erde nicht mehr.

In späteren antiken Überlieferungen versucht Bellerophon, mit Pegasus zum Himmel beziehungsweise zum Olymp aufzusteigen.

Der Mann, der ein fliegendes Pferd beherrschte, wollte dorthin gelangen, wo die Götter wohnten.

Doch Bellerophon erreichte sein Ziel nicht.

Die Fassungen über seinen Sturz unterscheiden sich. In einer bekannten späteren Tradition lässt Zeus eine Bremse Pegasus stechen. Das Pferd bäumt sich auf und Bellerophon stürzt hinab. Andere Überlieferungen erzählen den Sturz weniger ausführlich oder setzen andere Akzente.

Entscheidend ist das Bild, das bleibt:

Der Mensch fällt. Pegasus fliegt weiter.

Bellerophon hatte mit göttlicher Hilfe ein Wesen bezwungen, das kein gewöhnliches Pferd war. Gemeinsam hatten sie ein Monster besiegt. Doch der Besitz des geflügelten Pferdes machte seinen Reiter nicht selbst zu einem Gott.

Pegasus dagegen gehörte der Himmel weiterhin.

Was geschah mit Pegasus nach Bellerophons Sturz?

Hier schließt sich ein Kreis, der bereits bei Hesiod beginnt.

Pegasus gelangte zu Zeus.

In der Theogonie heißt es, dass er die Erde verließ, zu den Unsterblichen kam und im Hause des Zeus lebte. Dort war er mit Donner und Blitz des Göttervaters verbunden.

Das geflügelte Pferd, dessen Geschichte aus dem Tod einer Gorgone hervorgegangen war, endete also nicht als Pferd eines menschlichen Helden.

Sein Platz war bei den Göttern.

Spätere Überlieferungen verbanden Pegasus schließlich auch mit dem Sternenhimmel. Hyginus berichtet in seiner Astronomica über das himmlische Pferd und führt dabei mehrere Traditionen zusammen.

So wurde aus Pegasus nicht nur ein Wesen, das fliegen konnte.

Er selbst wurde zu einer Gestalt des Himmels.

Pegasus und die Quelle der Musen

Doch Pegasus hinterließ der Sage nach auch auf der Erde eine Spur.

Keine Hufspur im Staub.

Eine Quelle.

Auf dem Helikon in Böotien befand sich die Hippokrene, deren Name sich sinngemäß als „Pferdequelle“ verstehen lässt. Die Überlieferung brachte ihre Entstehung mit Pegasus in Verbindung: Ein Schlag seines Hufes gegen den Boden beziehungsweise Felsen habe das Wasser hervorsprudeln lassen.

Der griechische Reiseschriftsteller Pausanias berichtet im 2. Jahrhundert n. Chr., dass die Menschen am Helikon erzählten, die Hippokrene sei durch den Huf des Pferdes Bellerophons entstanden.

Da der Helikon als Sitz der Musen galt, wurde Pegasus im Laufe der Zeit immer stärker mit Dichtung und künstlerischer Inspiration verbunden.

Hier ist allerdings Vorsicht angebracht.

Die heute selbstverständliche Vorstellung vom Pegasus als Dichterross und Symbol der Poesie ist in dieser ausgeprägten Form vor allem das Ergebnis späterer Traditionen. Die antiken Geschichten kennen die Verbindung zur Hippokrene, doch Pegasus‘ moderne Rolle als allgemeines Sinnbild dichterischer Inspiration entwickelte sich darüber hinaus weiter.

Aus dem Pferd eines Helden wurde damit über die Jahrhunderte noch etwas anderes: ein Sinnbild für die Kraft der Vorstellung.

War Pegasus das Pferd von Perseus?

Gerade im Zusammenhang mit Andromeda lohnt es sich, diese Frage eindeutig zu beantworten.

In den maßgeblichen antiken Überlieferungen ist Bellerophon der berühmte Reiter des Pegasus, nicht Perseus.

Die Verwechslung liegt allerdings nahe.

Pegasus entsteht in genau dem Augenblick, in dem Perseus Medusa enthauptet. Beide Figuren gehören also tatsächlich zur selben Geschichte. Kurz darauf führt der Mythos des Perseus weiter zu Andromeda, während Pegasus seine eigene mythologische Bahn nimmt.

In späterer Kunst und modernen Nacherzählungen wurden diese Geschichten teilweise miteinander verschmolzen. Dadurch entstand das populäre Motiv des Perseus, der auf Pegasus reitet und Andromeda rettet.

Für Himmelsgeschichten ist die ältere Trennung viel interessanter.

Denn sie zeigt, wie eng die Geschichten am Himmel miteinander verwoben sind, ohne ursprünglich eine einzige große Erzählung gewesen zu sein.

Andromeda führt zu Perseus.

Perseus führt zu Medusa.

Aus Medusas Tod entsteht Pegasus.

Und Pegasus führt uns wiederum zu Bellerophon und zur Chimäre.

Eine Geschichte öffnet die Tür zur nächsten.

Pegasus am Sternenhimmel

Irgendwann wurde auch der Himmel selbst zum Schauplatz seiner Erinnerung.

Pegasus gehört zu den überlieferten Sternbildern der Antike. Aratos beschreibt das himmlische Pferd bereits in seinen Phainomena, und Hyginus verbindet das Sternbild ausdrücklich mit verschiedenen Geschichten über Pegasus.

Viel astronomisches Wissen braucht es an dieser Stelle nicht.

Für seine Sage ist etwas anderes schöner:

Pegasus befindet sich am Himmel in unmittelbarer Nachbarschaft zu Andromeda.

Damit stehen zwei Gestalten nahe beieinander, deren Geschichten über Perseus und Medusa miteinander verbunden sind. Auch wenn die populäre Vorstellung von Perseus auf dem Rücken des Pegasus die antiken Sagen vereinfacht, wirkt ihre Nähe am Himmel beinahe wie eine Einladung, die Geschichten miteinander zu erzählen.

Dort ist Andromeda.

Nicht weit davon das geflügelte Pferd.

Und hinter beiden liegt ein Geflecht aus Göttern, Helden und Ungeheuern, das Menschen seit der Antike immer wieder neu erzählt haben.

Warum Pegasus bis heute weiterfliegt

Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade Pegasus so viele Jahrhunderte überdauert hat.

Seine Gestalt braucht kaum Erklärung.

Ein Pferd gehört zur Erde. Seine Hufe brauchen festen Boden.

Gibt man ihm Flügel, verschwindet diese Grenze.

Genau darin liegt ein starkes Bild.

Pegasus kann sich aus der Welt erheben, ohne selbst ein Gott zu sein. Er trägt einen Menschen durch einen Kampf, den dieser am Boden kaum gewinnen könnte. Doch als Bellerophon schließlich glaubt, mit seiner Hilfe sogar die Grenze zwischen Menschen und Göttern überwinden zu können, scheitert der Reiter.

Pegasus selbst steigt weiter empor.

So lässt sich seine Geschichte als Erzählung über Freiheit lesen, aber ebenso über menschliche Hybris und über Grenzen. Das ist eine Interpretation des Mythos, keine eindeutige Botschaft, die uns eine einzelne antike Quelle vorgibt. Gerade alte Geschichten leben davon, dass spätere Generationen in ihren Bildern immer wieder etwas Eigenes erkennen.

Pegasus hat viele solcher Bilder hinterlassen.

Das Blut der Medusa.

Das goldene Zaumzeug.

Die Flammen der Chimäre.

Der Hufschlag, aus dem eine Quelle entspringt.

Der Sturz Bellerophons.

Und schließlich das Pferd allein über der Erde.

Wenn du heute zum Sternbild Pegasus hinaufsiehst, blickst du deshalb nicht nur auf die Erinnerung an ein geflügeltes Pferd.

Dort oben endet eine Geschichte, die mit dem Tod einer Gorgone begann.

Der Held, der Pegasus bezwingen konnte, musste auf der Erde bleiben.

Das Pferd aber durfte weiterfliegen.

Und vielleicht passt gerade deshalb kein Ort besser zu ihm als der Himmel.

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