Plejaden sieben Schwestern

Die Plejaden – die Sage von den sieben Schwestern

Sie liefen.

Über die Berge, durch Täler und über steinige Hänge führte ihre Flucht. Verfolgt wurden sie von einem Jäger, groß und unermüdlich, einer, der gewohnt war, seiner Beute zu folgen, bis sie ihm nicht mehr entkommen konnte.

Sieben Schwestern waren es: Maia, Elektra, Taygete, Alkyone, Kelaino, Sterope und Merope.

Töchter des Atlas.

Und ihr Verfolger war Orion.

Wie lange die Jagd dauerte, erzählen die alten Überlieferungen nicht immer auf dieselbe Weise. Doch ihr Ende liegt, der Sage nach, noch heute über unseren Köpfen. Denn die sieben Schwestern entkamen Orion schließlich an einen Ort, den selbst der gewaltige Jäger nicht verlassen konnte.

Sie wurden zu Sternen.

Als Plejaden, die sieben Schwestern, stehen sie seitdem am Himmel – dicht beieinander, als hätten sie selbst dort oben noch Schutz in der Nähe der anderen gesucht.

Und Orion folgt ihnen bis heute.

Wer waren die sieben Schwestern?

Die Plejaden gehören zu jenen Gestalten der griechischen Mythologie, bei denen Himmel und Sage kaum voneinander zu trennen sind.

Schon in der antiken Überlieferung erscheinen sie als Töchter des Titanen Atlas. Eine Hesiod zugeschriebene astronomische Schrift nennt ihre Namen: Taygete, Elektra, Alkyone, Asterope, Kelaino, Maia und Merope. Auch spätere Autoren überliefern im Wesentlichen diese sieben Namen. Ihre Mutter wird häufig als Pleione bezeichnet.

Atlas war kein gewöhnlicher Vater.

Nach dem Sieg der olympischen Götter über die Titanen lastete eine gewaltige Aufgabe auf ihm: Er musste das Himmelsgewölbe tragen. Antike Autoren wie Aischylos schildern ihn als mächtige Gestalt am westlichen Rand der Welt, die unter dieser ungeheuren Last ausharrt.

Seine Töchter dagegen wurden zu Nymphen der Berge und schließlich zu Gestalten des Sternenhimmels.

Doch hinter dem gemeinsamen Namen verschwinden sie keineswegs. Jede der sieben Schwestern besaß ihre eigene Geschichte.

Maia, vermutlich die bekannteste von ihnen, wurde durch Zeus die Mutter des Hermes. Andere Schwestern wurden ebenfalls mit Göttern und Heroen verbunden und galten in verschiedenen Überlieferungen als Ahninnen bedeutender Geschlechter. Alkyone und Kelaino etwa wurden mit Poseidon verbunden, während Sterope in einer Überlieferung als Gemahlin des Oinomaos erscheint.

Die Plejaden waren also mehr als sieben namenlose Sterne.

Für die Griechen standen dort oben sieben Schwestern mit eigenen Schicksalen.

Und eines dieser Schicksale verband sie mit dem großen Jäger Orion.

Orion und die Plejaden

Orion gehört zu den mächtigsten Jägergestalten der griechischen Sagenwelt. Über ihn wurden verschiedene, teilweise widersprüchliche Geschichten erzählt. Auch seine Verbindung mit den Plejaden ist nicht in einer einzigen verbindlichen Fassung überliefert.

Eine bekannte spätere Tradition erzählt jedoch, Orion habe die Plejaden verfolgt.

Man kann sich die Szene leicht vorstellen.

Sieben junge Frauen auf der Flucht. Hinter ihnen der Jäger, dessen Kraft und Ausdauer in den Sagen beinahe übermenschlich erscheinen. Kein Wald bietet auf Dauer Schutz. Kein Bergpfad führt weit genug fort.

Und über allem liegt die Gewissheit, dass Orion nicht aufgibt.

In manchen Überlieferungen werden die Plejaden als jungfräuliche Gefährtinnen der Göttin Artemis beschrieben. Gemeinsam mit ihrer Mutter Pleione seien sie von Orion verfolgt worden. Schließlich griffen die Götter ein: Die Frauen wurden verwandelt und an den Himmel versetzt.

Eine Variante verbindet diese Verwandlung mit Tauben. Das griechische Wort peleiai bedeutet „Tauben“, weshalb schon in der Antike und späteren Auslegung eine Verbindung zwischen dem Namen der Plejaden und diesen Vögeln gesehen wurde. Die genaue Herkunft ihres Namens ist allerdings nicht zweifelsfrei geklärt, und die antiken Erklärungen sind nicht einheitlich.

Aus den Verfolgten wurden Sterne.

Aber damit endete die Jagd nicht ganz.

Denn Orion wurde ebenfalls an den Himmel versetzt.

Pindar spielt bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. auf die himmlische Nähe an: Orion folgt den Plejaden. Was auf der Erde eine Verfolgung gewesen sein soll, setzte sich in der Vorstellung der Menschen als ewige Bewegung am Himmel fort.

Darin liegt eines der schönsten Motive dieser Sage.

Die Geschichte endet nicht.

Nacht für Nacht beginnt sie von Neuem.

Wie die Plejaden zu Sternen wurden

Die Erzählung von Orion ist nur eine Erklärung dafür, weshalb die sieben Schwestern am Himmel stehen.

Andere antike Traditionen erzählen von Trauer.

Nach einer Überlieferung beklagten die Töchter des Atlas das schwere Schicksal ihres Vaters, der das Himmelsgewölbe tragen musste. Ein erhaltenes Fragment des Aischylos kennt die sieben Töchter des Atlas und ihre Klage über seine Last.

Andere spätere Erklärungen bringen ihre Verstirnung mit dem Tod ihres Bruders Hyas und der Trauer ihrer Schwestern, der Hyaden, in Verbindung.

Damit zeigt sich etwas, das bei griechischen Mythen immer wieder begegnet: Es gab nicht zwangsläufig eine einzige, für alle Zeiten festgeschriebene Geschichte.

Mythen lebten.

Dichter erzählten sie neu. Regionen kannten unterschiedliche Fassungen. Einzelne Motive wurden miteinander verbunden oder verändert. Jahrhunderte später konnten Autoren eine Geschichte anders erklären als ihre Vorgänger.

Bei den Plejaden blieb jedoch ein Bild erstaunlich beständig:

Sie waren die Töchter des Atlas.

Sie waren sieben.

Und sie gehörten an den Himmel.

Maia, Elektra, Taygete, Alkyone, Kelaino, Sterope und Merope

Ihre Namen wirken heute vielleicht fremd. In der griechischen Sagenwelt aber führen von ihnen zahlreiche Wege zu anderen Geschichten.

Maia lebte der Überlieferung nach auf dem arkadischen Berg Kyllene. Dort brachte sie Hermes zur Welt, den Sohn des Zeus, der später zum Götterboten wurde. Bereits die Hesiod zugeschriebene Astronomie verbindet Maia mit Hermes.

Elektra wurde in manchen Traditionen zur Ahnin des trojanischen Königshauses. Gerade mit ihr verbindet sich deshalb eine der melancholischsten Erklärungen für die geheimnisvolle „fehlende“ Schwester der Plejaden.

Taygete war ebenfalls mit Zeus verbunden und wurde in der Mythologie unter anderem in die Abstammungsgeschichte Spartas eingebunden.

Alkyone erscheint als Geliebte Poseidons und Mutter mehrerer Kinder.

Kelaino wurde ebenfalls mit Poseidon verbunden.

Sterope, die auch Asterope genannt wird, erscheint in einer Überlieferung als Gemahlin des Königs Oinomaos.

Und schließlich war da Merope.

Gerade ihre Geschichte sollte später eine besondere Erklärung dafür liefern, weshalb Menschen am Himmel zwar von sieben Schwestern erzählten – mit bloßem Auge aber häufig nur sechs besonders deutlich wahrnahmen.

Die verschwundene siebte Schwester

Sieben Schwestern.

Aber warum scheinen es manchmal nur sechs zu sein?

Diese Frage beschäftigte Menschen bereits in der Antike. Und wo am Himmel etwas rätselhaft erschien, entstand eine Geschichte.

Eine der bekanntesten Erklärungen handelt von Merope.

Während ihre Schwestern in den Mythen mit Göttern verbunden waren, heiratete Merope einen Sterblichen: Sisyphos, jenen sagenhaften König, der später für seine ewige Strafe in der Unterwelt berühmt wurde.

Eine Überlieferung erklärte die schwächere oder unsichtbare siebte Plejade deshalb mit Scham: Merope habe sich verborgen, weil sie als Einzige der Schwestern einen sterblichen Mann zum Gefährten genommen habe.

Doch auch hier existiert eine andere Geschichte.

In ihr ist nicht Merope die verschwundene Schwester, sondern Elektra.

Elektra galt als Mutter des Dardanos und war damit eng mit dem Geschlecht verbunden, aus dem später die Herrscher Trojas hervorgingen. Als Troja fiel, so erzählte eine spätere Tradition, habe Elektra den Anblick des Untergangs nicht ertragen. Aus Trauer habe sie sich von ihren Schwestern entfernt oder ihr Licht verborgen.

Zwei Geschichten erklären dasselbe Rätsel.

In der einen verbirgt sich eine Schwester aus Scham.

In der anderen aus Trauer.

Vielleicht liegt gerade darin der Reiz solcher alten Himmelserzählungen. Eine kleine Unregelmäßigkeit am Nachthimmel genügte, um menschliche Gefühle darin wiederzufinden: Liebe, Verlust, Stolz und Schmerz.

Die Sterne schwiegen.

Also erzählten die Menschen ihre Geschichten für sie.

Warum Orion den sieben Schwestern noch immer folgt

Wer die Plejaden nur als abgeschlossene Sage betrachtet, übersieht einen wichtigen Teil ihrer Wirkung.

Die Griechen erzählten nicht bloß von Gestalten, die irgendwann einmal zu Sternen geworden waren. Der Himmel selbst konnte zur Bühne werden.

Orion und die Plejaden boten dafür ein besonders eindrucksvolles Bild.

Schon Pindar beschrieb Orion als einen, der den Plejaden folgen müsse. Hinter dieser dichterischen Vorstellung steht die beobachtbare Bewegung der Himmelsgestalten: Plejaden und Orion erscheinen in einer Weise am Himmel, die sich als Fortsetzung ihrer mythischen Verfolgung erzählen ließ.

Damit erhielt die Sage etwas, das keine Statue und keine Schriftrolle leisten konnte.

Bewegung.

Die Schwestern flohen weiter.

Der Jäger folgte.

Jahr für Jahr.

Generation für Generation.

Ein Kind konnte dieselbe Jagd am Himmel sehen wie seine Großeltern. Und lange nachdem die Namen der ersten Erzähler vergessen waren, standen die Figuren ihrer Geschichte noch immer über den Dächern, Feldern und Bergen.

Die Plejaden waren mehr als eine Sage

Für die Menschen der Antike besaßen die Plejaden auch eine praktische Bedeutung.

Ihr Erscheinen und Verschwinden am Himmel half dabei, bestimmte Zeiten im Jahreslauf zu erkennen. Hesiod erwähnt die Plejaden in seinen Werken und Tagen im Zusammenhang mit landwirtschaftlichen Arbeiten und der Orientierung im Jahreslauf.

Das macht die sieben Schwestern zu einem schönen Beispiel dafür, wie eng Beobachtung und Erzählung in der alten Welt miteinander verbunden sein konnten.

Ein Sternenmuster war nicht bloß ein Sternenmuster.

Es konnte anzeigen, wann bestimmte Arbeiten auf den Feldern anstanden – und gleichzeitig von Atlas, Maia, Merope und dem Jäger Orion erzählen.

Dabei muss man die beiden Ebenen nicht gegeneinander ausspielen. Gerade ihr Nebeneinander macht die alten Himmelsgeschichten so faszinierend.

Menschen sahen den Himmel.

Sie beobachteten ihn genau.

Und sie machten ihn zu einem Teil ihrer eigenen Welt.

Sieben Schwestern am Himmel

Vielleicht beginnt die Geschichte der Plejaden gar nicht mit Orion.

Vielleicht beginnt sie mit einem viel einfacheren Moment.

Jemand steht in einer klaren Nacht unter freiem Himmel und entdeckt eine kleine Gruppe von Lichtern, die ungewöhnlich dicht beieinanderstehen.

Keine einsamen Sterne.

Eine Gemeinschaft.

Wer sie lange betrachtet, kann verstehen, weshalb daraus Schwestern wurden.

Und dann fehlt scheinbar eine.

Schon entsteht die nächste Frage.

Wo ist sie?

Hat sie sich verborgen? Trauert sie? Schämt sie sich? Wurde sie fortgetragen?

Und warum steht dort, nicht allzu weit entfernt, der mächtige Jäger Orion?

Aus Lichtpunkten werden Figuren. Aus ihrer Stellung zueinander wird eine Handlung. Und irgendwann läuft eine Gruppe von Schwestern vor einem Jäger davon.

Vielleicht ist das eines der Geheimnisse alter Himmelsmythen: Sie machen aus dem unermesslichen Himmel etwas Menschliches.

Auch die Plejaden tragen dieses Menschliche in sich. Ihre Geschichten handeln von Familie und Verfolgung, von Liebe und Verlust, von Scham und Trauer. Ihre verschiedenen Fassungen widersprechen sich an manchen Stellen, doch gerade darin zeigen sie, wie lebendig diese Erzählungen über Jahrhunderte geblieben sind.

Heute kennen wir die sieben Namen noch immer:

Maia.

Elektra.

Taygete.

Alkyone.

Kelaino.

Sterope.

Merope.

Wenn du die Plejaden in einer klaren Nacht entdeckst, siehst du deshalb nicht nur eine kleine Gruppe von Sternen.

Du kannst auch sieben Schwestern darin sehen, dicht zusammengedrängt im Dunkel.

Und irgendwo hinter ihnen wartet Orion.

Die Flucht ist noch nicht vorbei.

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