Am westlichen Horizont stirbt das Licht.
Noch liegt ein letzter goldener Schein über dem Nil. Die Mauern der Tempel glühen im Abendlicht, Palmen werden zu dunklen Schatten und auf dem Wasser zerbricht die Sonne in flimmernden Streifen. Dann berührt sie den Horizont.
Und verschwindet.
Für die Menschen im alten Ägypten bedeutete dieser Augenblick nicht einfach, dass ein Tag zu Ende ging. Die Sonne hatte ihren Weg über den Himmel vollendet – doch ihre Reise war noch lange nicht vorbei.
Denn nun begann der gefährlichere Teil.
Der Sonnengott Ra musste hinabsteigen in die Duat, die geheimnisvolle Unterwelt. Dort führte sein Weg durch die zwölf Stunden der Nacht, vorbei an Göttern, Toten und fremdartigen Wesen. Dort warteten Mächte der Finsternis. Und dort lauerte eine Gefahr, die größer war als alle anderen: die gewaltige Schlange Apophis, die danach trachtete, den Lauf der Sonne aufzuhalten.
Nacht für Nacht musste Ra diesen Weg bestehen.
Und Morgen für Morgen geschah das scheinbar Unmögliche.
Die Sonne kehrte zurück.
Wer war der ägyptische Sonnengott Ra?
Ra – häufig auch Re geschrieben – gehörte zu den bedeutendsten Gottheiten des alten Ägypten. Seine Gestalt und seine Verbindung mit anderen Göttern veränderten sich über die lange Geschichte der ägyptischen Religion. In unterschiedlichen Zeiten und Zusammenhängen begegnet er etwa in Verbindungen wie Amun-Re oder Re-Harachte.
Im Zentrum stand jedoch die Sonne.
Ra verkörperte ihre lebensspendende Kraft und ihren täglichen Lauf. Bildliche Darstellungen zeigen den Sonnengott häufig mit Falkenkopf und Sonnenscheibe. Besonders wichtig war aber ein anderes Bild: das der Sonnenbarke, in der der Gott seine immerwährende Reise vollzog. Darstellungen ägyptischer Särge und Papyri zeigen den Sonnengott sowohl auf seiner Fahrt durch den Tageshimmel als auch während seiner nächtlichen Reise.
Damit wurde etwas, das jeder Mensch beobachten konnte, Teil einer gewaltigen kosmischen Geschichte.
Am Morgen erschien die Sonne im Osten. Sie zog über den Himmel. Am Abend versank sie im Westen.
Aber wohin ging sie danach?
Die Antwort der alten Ägypter führte tief hinab in eine Welt, die kein lebender Mensch sehen konnte.
Die Sonnenbarke – Ras Schiff über den Himmel
Man kann sich den Himmel der ägyptischen Mythen nicht als leere Fläche vorstellen, über die eine glühende Kugel wandert.
Die Sonne reiste.
Ra fuhr in einer Barke, begleitet von göttlichen Mächten. Ägyptische Darstellungen zeigen solche Sonnenboote mit verschiedenen Gottheiten an Bord; auf einem erhaltenen Papyrusfragment befinden sich beispielsweise Khepri, Shu, Tefnut, Thoth und Isis gemeinsam in einer Sonnenbarke.
Das Bild des göttlichen Schiffes dürfte für Menschen, deren Leben eng mit dem Nil verbunden war, unmittelbar verständlich gewesen sein. Boote trugen Menschen, Waren und Götterbilder. Sie verbanden Orte miteinander und ermöglichten Reisen durch das langgestreckte Land.
Auch der Sonnengott war ein Reisender.
Solange Ra über den Himmel zog, brachte er Licht und Wärme. Unter seinem Blick wurde gearbeitet, geerntet und gelebt. Seine Fahrt war zugleich Ausdruck einer Welt, deren Ordnung Bestand hatte.
Doch mit jedem Abend näherte sich seine Barke dem Westen.
Dort lagen die Gräber.
Dort begann das Reich der Toten.
Und als die Sonne hinter dem Horizont verschwand, trat Ra in die Duat ein.
Ra in der Unterwelt: die zwölf Stunden der Nacht
Über Ras nächtliche Reise erzählen vor allem die religiösen Jenseitstexte des alten Ägypten. Eine besonders eindrucksvolle Quelle ist das Amduat, dessen Name sinngemäß „Das, was in der Unterwelt ist“ bezeichnet.
Es schildert die Duat und gliedert die Nacht in zwölf Stunden. Darstellungen aus diesem Überlieferungskomplex zeigen den Sonnengott auf seinem Schiff, umgeben von den Wesen der Unterwelt.
Diese Texte sind keine Erzählung im modernen Sinn. Sie liefern uns also keinen antiken Abenteuerroman, in dem Ra von einer Prüfung zur nächsten fährt. Sie gehören zur ägyptischen religiösen und funerären Überlieferung und verbinden Bilder, Namen, Beschreibungen und Vorstellungen vom Jenseits miteinander.
Doch aus ihnen entsteht eine mächtige Geschichte.
Stell dir die Barke vor, nachdem das letzte Licht der Abendsonne erloschen ist.
Über ihr spannt sich kein blauer Himmel mehr. Die vertraute Welt bleibt zurück. Ra fährt nun durch ein Reich, dessen Bewohner anderen Gesetzen folgen.
Stunde um Stunde bewegt sich das Sonnenboot tiefer durch die Nacht.
Die Duat ist dabei nicht einfach eine „Hölle“, wie man sich die Unterwelt vielleicht aus späteren europäischen Vorstellungen heraus denken könnte. Sie ist das Reich der Toten, aber ebenso ein Ort der Verwandlung und Erneuerung. In ihr begegnet die Sonne den Mächten, durch die ihre Wiedergeburt möglich wird.
Gerade darin liegt der Kern der nächtlichen Reise:
Ra muss durch den Tod hindurch, damit neues Licht entstehen kann.
Wenn Ra Osiris begegnet
Tief in der Nacht begegnen sich zwei der mächtigsten Vorstellungen der ägyptischen Religion.
Ra, der Sonnengott.
Und Osiris, der Herrscher des Totenreiches.
Das Amduat verbindet beide miteinander. In der tiefsten Phase der Nacht vereinigt sich Ra mit Osiris; aus dieser Begegnung erwächst die Voraussetzung dafür, dass die Sonne am Morgen erneuert werden kann. Ein Papyrus aus dem 10. Jahrhundert v. Chr., heute im Metropolitan Museum of Art, zeigt genau diesen Zusammenhang: Ra zieht durch die Duat, begegnet dort dem mumiengestaltigen Osiris und wird schließlich für den kommenden Morgen wiedergeboren.
Hier treffen scheinbare Gegensätze aufeinander.
Sonne und Totenreich.
Licht und Dunkelheit.
Leben und Tod.
Doch im ägyptischen Denken mussten diese Gegensätze einander nicht ausschließen. Der Tod konnte Teil eines Kreislaufs sein, an dessen Ende Erneuerung stand.
Darum ist Ras Unterweltsfahrt mehr als eine Erklärung dafür, wo die Sonne nachts bleibt.
Sie erzählt von einer Welt, die jeden Abend vergeht und jeden Morgen neu erschaffen wird.
Aber diese Wiederkehr ist keineswegs selbstverständlich.
Denn in der Dunkelheit wartet Apophis.
Apophis – die Schlange, die das Licht verschlingen will
Irgendwo auf Ras nächtlichem Weg erhebt sich die große Schlange.
Apophis – ägyptisch Apep – verkörpert eine Macht, die sich der geordneten Welt entgegenstellt. Während Ra für den fortdauernden kosmischen Kreislauf steht, bedroht Apophis genau diesen Bestand.
Sein Ziel ist erschreckend einfach:
Die Sonnenbarke darf ihr Ziel nicht erreichen.
Wenn Ra aufgehalten wird, gibt es keinen Sonnenaufgang.
In späteren Darstellungen und Überlieferungen wird der Kampf gegen Apophis deshalb zu einem der eindrucksvollsten Motive der Sonnenreise. Der Sonnengott ist dabei nicht notwendigerweise ein einsamer Kämpfer. Andere göttliche Mächte begleiten und schützen die Barke. Auch ägyptische Darstellungen von Sonnenbarken zeigen ein göttliches Gefolge, das den Sonnengott auf seiner Reise umgibt.
Man kann sich vorstellen, welche Bedeutung in diesem Mythos lag.
Über der Erde herrscht Dunkelheit. Menschen schlafen in ihren Häusern. Der Nil fließt unsichtbar durch die Nacht.
Und jenseits ihrer Wahrnehmung entscheidet sich, ob es einen neuen Morgen geben wird.
Die Schlange stellt sich dem Sonnenboot entgegen.
Die Mächte der Ordnung kämpfen gegen sie.
Und Apophis wird überwunden.
Nicht endgültig.
Das ist entscheidend.
Die Bedrohung verschwindet nicht für alle Zeiten. Der Kampf gehört zum kosmischen Kreislauf. Mit der nächsten Nacht muss die Reise erneut beginnen. Spätere Überlieferungen kennen sogar Rituale, mit denen Apophis symbolisch bekämpft und vernichtet werden sollte.
Der Sonnenaufgang bedeutete deshalb weit mehr als die Rückkehr des Tageslichts.
Er war ein Sieg.
Khepri und die Wiedergeburt der Sonne
Im Osten beginnt sich der Himmel zu verändern.
Die Nacht wird blasser.
Und Ra nähert sich dem Ende seiner Reise.
In ägyptischen Vorstellungen konnte die Sonne während ihres täglichen Kreislaufs unterschiedliche Gestalten annehmen. Besonders eng mit dem Sonnenaufgang verbunden war Khepri, der Gott in Gestalt eines Skarabäus.
Der Skarabäus wurde zum mächtigen Sinnbild des Werdens und der Erneuerung. Auf Darstellungen der nächtlichen Sonnenreise erscheint er deshalb dort, wo sich die Wiedergeburt der Sonne ankündigt. Ein Amduat-Papyrus aus dem Metropolitan Museum zeigt in Verbindung mit den letzten Nachtstunden einen Skarabäus unmittelbar vor dem Sonnenaufgang.
Auf dem Sarg der Tawaher wird der gesamte Kreislauf besonders anschaulich: Der Sonnengott fährt durch den Tag, durchquert anschließend die nächtliche Unterwelt und erscheint am Ende in Skarabäusgestalt wiedergeboren am Morgen.
Nach all den Stunden in der Dunkelheit erreicht die Barke also den östlichen Horizont.
Das Licht kehrt zurück.
Die Sonne wird geboren.
Und für einen weiteren Tag ist die Ordnung der Welt bewahrt.
Ra, Nut und der Kreislauf des Himmels
Die Reise des Sonnengottes lässt sich kaum von einer anderen großen Gestalt der ägyptischen Himmelswelt trennen: Nut, der Göttin des Himmels.
In ägyptischen Darstellungen kann Nut den gesamten Kosmos mit ihrem lang ausgestreckten Körper überspannen. Himmel, Erde, Tag und Nacht bilden dabei keinen leeren Raum, sondern eine göttlich geordnete Welt.
Ein spätzeitlicher Sarkophag des Wereshnefer zeigt diesen Kosmos eindrucksvoll: Nut bildet den Rahmen des dargestellten Universums, während Szenen des Amduat Ras Reise durch die zwölf Nachtstunden schildern. Auf dem Deckel erscheint dagegen der Tageshimmel; Nachtbarke und Tagesbarke treffen dort zusammen, während zwischen ihnen die neugeborene Sonne aufsteigt.
Für Himmelsgeschichten ist diese Verbindung besonders reizvoll, denn Nut und Ra erzählen zwei Seiten derselben Vorstellung.
Nut ist der Himmel, der die Welt umschließt.
Ra ist der Reisende, der ihn durchquert.
Jeder Sonnenuntergang und jeder Sonnenaufgang wird damit Teil einer göttlichen Ordnung, die sich unaufhörlich erneuert.
Die Toten auf der Reise mit der Sonne
Ras Weg durch die Unterwelt hatte noch eine weitere Bedeutung.
Er führte nicht nur den Sonnengott durch die Nacht. Auch die Hoffnung der Verstorbenen konnte mit dieser Reise verbunden werden.
Auf Papyri und Särgen wurden Szenen aus der nächtlichen Sonnenfahrt Teil der ägyptischen Jenseitsvorstellungen. Ein Amduat-Papyrus der Djedmutesankh zeigt etwa die elfte und zwölfte Nachtstunde. Das Metropolitan Museum beschreibt, wie die Verstorbene gemeinsam mit dem Sonnengott durch das gefährliche Totenreich reisen und am Morgen erneuert werden sollte.
Was mit der Sonne geschah, konnte damit zum Bild für das Schicksal des Menschen werden.
Ra verschwand im Westen.
Der Verstorbene ging in das Totenreich.
Ra durchquerte die Dunkelheit.
Der Verstorbene hoffte auf einen Weg durch das Jenseits.
Ra wurde am Morgen erneuert.
Und auch der Mensch hoffte auf ein neues Dasein nach dem Tod.
Deshalb finden wir die Sonnenreise nicht nur in Tempelvorstellungen, sondern auf Särgen, Grabwänden und Papyri. Die kosmische Geschichte wurde zugleich zu einer persönlichen Hoffnung.
Die Nacht musste nicht das Ende sein.
Es gibt nicht nur eine Geschichte von Ra
Wer nach „dem Mythos von Ra“ sucht, stößt schnell auf ein Problem: Die Religion des alten Ägypten bestand über Jahrtausende.
Vorstellungen wandelten sich. Götter wurden miteinander verbunden. Namen und Erscheinungsformen konnten ineinander übergehen. Verschiedene religiöse Texte setzten unterschiedliche Schwerpunkte.
Deshalb wäre es irreführend, Ras Himmels- und Unterweltsreise wie eine einzige, von Anfang bis Ende festgelegte Sage wiederzugeben.
Das Amduat ist eine wichtige Quelle für die zwölf Nachtstunden. Daneben existieren weitere Unterweltsbücher und funeräre Texte mit eigenen Bildern und Akzenten. Selbst erhaltene Papyri können verschiedene Traditionen miteinander verbinden. Das zeigt beispielsweise der Papyrus der Nauny, der zwar als „Buch dessen, was in der Duat ist“ bezeichnet wird, in seiner Gestaltung aber stärker an eine Litanei des Re erinnert und zahlreiche Erscheinungsformen des Sonnengottes zeigt.
Gerade diese Vielfalt macht die ägyptische Mythologie so faszinierend.
Ra ist nicht einfach eine Figur mit einer einzigen Biografie.
Er ist Teil eines religiösen Kosmos, der immer wieder neu erzählt, dargestellt und gedeutet wurde.
Warum Ras Reise jede Nacht von Neuem beginnt
Vielleicht liegt die größte Kraft dieser alten Himmelsgeschichte in ihrer Einfachheit.
Jeder konnte sehen, worauf sie beruhte.
Die Sonne ging unter.
Es wurde dunkel.
Und niemand konnte mit seinen Augen verfolgen, was danach geschah.
Also bekam die unsichtbare Nachtseite des Sonnenlaufs eine Landschaft. Sie bekam Tore, Wasserwege, Götter und geheimnisvolle Wesen. Die Dunkelheit bekam Gefahren. Der Sonnenaufgang bekam eine Geschichte.
Und plötzlich war der Morgen nicht mehr selbstverständlich.
Jedes erste Licht am östlichen Horizont verkündete, dass die Reise gelungen war.
Ra hatte die Duat durchquert.
Die Mächte, die seinen Lauf bedrohten, hatten ihn nicht aufgehalten.
Die Sonne war erneuert worden.
Die Welt durfte weiterbestehen.
Vielleicht kann man deshalb selbst heute noch etwas von der Macht dieser Vorstellung spüren. Nicht, weil wir glauben müssten, dass tatsächlich eine göttliche Barke unter der Erde durch ein Totenreich fährt. Sondern weil der Mythos aus einem alltäglichen Vorgang etwas Gewaltiges macht.
Am Abend sinkt die Sonne hinter den Horizont.
Die Dunkelheit schließt sich über ihr.
Und irgendwo in den Bildern einer Jahrtausende alten Geschichte fährt Ra weiter.
Durch die Tore der Nacht.
Vorbei an den Toten.
Durch die tiefste Finsternis.
Bis am östlichen Himmel ein schmaler Streifen Licht erscheint.
Und die Reise von Neuem beginnt.